Freck
 
 
 
 
 

Was für ein Scheissgefühl.

Also das, was bleibt, wenn die Wut, wenn der heilige Zorn langsam zurückweicht.


Seit dem Aufruf „Nazis dissen in Neumünster“ bin ich, was das Thema angeht, auf der gereizten Seite.

Am Sonntag dann explodiert und im heiligen Zorn gelandet.


Wut macht so herrlich unbesiegbar.

Wut macht so wunderbar alles richtig, was man tut, sagt, schreibt...


Ich muss also lernen, zu verachten.


Naja, im Grunde müsste ich ja nur lernen, die Klappe zu halten und nicht zur Tastatur zu greifen.

Ok, das stimmt.

Dann kann man mir wenigstens nur „Intransparenz“ vorwerfen und nicht, die Nazi-Ideologie fördern zu wollen.


Oder muss ich doch lernen, zu verachten?


Denjenigen, die das von mir verlangen, sei nochmals gesagt: ich werde das nicht tun.

Ich will nicht verachten müssen.


Bei den anderen, die ich gestern so heftig angegriffen habe entschuldige ich mich.

Weil es sein muss.

Und weil ich es wirklich so meine.


Ich sehe immer mal wieder, dass jemand gegen mich das Schwert als Keule schwingt.

Das versetzt mich quasi unmittelbar in Wut: Wenn jemand das Schwert greift, an der Schneide, die er gerade noch gewetzt hat, um dann den Griff gegen mich als Keule einzusetzen und ich nicht nur den Schlag spüre sondern auch noch sehen muss, wie er sich die Hände dabei aufschlitzt, dann ist das einfach zu viel.

Tut das bitte einfach nicht mehr.


Vor einiger Zeit erlebten wir den o.a. Aufruf, in Neumünster dem Problem, dass auch dort immer mehr Menschen der rassistischen, menschenverachtenden Ideologie der Neonazis auf den Leim gehen, zu begegnen, indem wir „Nazis dissen“.

Dem habe ich mich entgegengestellt.

Dem stelle ich mich noch immer entgegen.


When you point your finger cos your plan fell through. You got three more fingers pointing back at you.

(Dire Straits, lyrics from Solid Rock)


Gilt auch und gerade für mich.


Ich bin jedenfalls auch weiter gereizt, wenn ich erleben muss, dass Menschen, die ich mag, schätze - ja liebe, gegen Menschenverachtung mit Verachtung von Menschen angehen.

Das tut mir persönlich weh, denn ich verliere Euch dann.


Ich habe eine grosse Schwierigkeit damit, zu unterscheiden, wann Menschenverachtung gut und wann böse ist.

Wenn dann jemand versucht, mir vorzuschreiben, ich müsse verachten, sonst wäre ich der Feind, dann gehen alle Sicherungen durch.

Und dann geschieht, was Sonntag geschah.


Wird das wieder passieren?

Ja, ich fürchte, das war nicht mein letzter Rant.

Weniger weil ich das so supertoll finde, wenn ich mich entschuldigen muss, so wie heute.

Eher weil mir an etwas liegt.

Weil ich einfach nicht Tacitus „sine ira et studio“, nicht kalt wie eine Hundeschnauze agieren kann.


Da werden einige Verbohrte jetzt sofort wieder Relativierung schreien und werden Täterschutz beklagen.

Werden mir sagen, ich müsse doch mal die Opfer betrachten, dürfe den Blick nicht von denen wenden.


Sie werden mir vorwerfen was ich in den letzten beiden Tagen, die sich wie Wochen anfühlen, zu hören bekommen habe.


Die anderen werden erkennen.


Danke für die Gesprächsangebote der letzten Tage, ich werde sie annehmen.

Wenn ich dazu in der Lage bin, wenn mich die Wut, wenn mich der heilige Zorn tatsächlich verlassen hat und auch der fiese Nachgeschmack der Reue nicht mehr so arg ist.


Und noch ein Songtext, nochmal aus den 80ern.

Und ausgerechnet von Michael Jackson

I'm starting with the man in the mirror.

I'm asking him to change his ways.


Weisheit kann man eben überall finden.

Also, wenn man die Augen offen hält.

Dienstag, 17. April 2012

Sine ira
 
 
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