Hemmschwellen
Immer wieder trifft man auf Kommunikations-Phänomene, die aussergewöhnlich sind, wenn man sich mit der Datenkommunikation, der Kommunikation mittels Computer befasst.
Diese Phänomene scheinen durch den Comptuer katalysiertes menschliches Verhalten zu sein, das von dem normalen (was auch immer gerade dafür gehalten werden mag) Verhalten abweicht.
Der Einfluss des Computers auf das Kommunikationsverhalten und damit auf die Kommunikation soll daher hier kurz beleuchtet werden.
Diskussion mit dem "Computer"
Unterhält man sich mit Computer/Internet-Nutzern, dann treten im gespräch über Chat, eMail, Usenet und ähnliche Kommunikationsformen oft Formulierungen auf, die darauf schliessen lassen, dass der Benutzer sich "mit dem Computer unterhält" und eben nicht mit dem Menschen, mit dem er tatsächlich kommuniziert.
Vom Telefon sind solche Phänomene nicht bekannt, wohl weil hier der interaktive Charakter der Kommunikation und der Klang der menschlichen Stimme noch den Menschen als Kommunikationspartner erkennen läßt.
Aber schon beim Anrufbantworter erkennt man Unterschiede im Verhalten des Sprechers, also ist auch hier schon das Gefähl, mit einer Maschine zu sprechen irgendwie vorhanden.
Das Gefühl, mit einer Maschine zu kommunizieren, wenn wir eMail, Relay-Chat oder Usenet benutzen, geht oft einher mit einer kleinen Personifizierung des Computers. Zwar werden auch andere Maschinen oft mit menschlichen Attributen belegt - Autos oder Motorräder sind gute Beispiele - aber gerade das mit einem KFZ deutlcih komplexere und deutlich schlechter vorhersagbare Verhalten eines Computers läßt solche Analogien bis zur Unterstellugn eines echte eigenen Willens überborden.
Dieses Verhalten ist schon länger zu beobachten als es das komerzielle Internet in Deuschland gibt.
Schon in den Mailbox-Zeiten (als ein High-Speed-Modem schon eines war, das 1,2 kBit/s übertrug und nich die heute bekannten 1 Mbit/s) war im Ton und Stil der Forenbeiträge irgendwie zu merken, dass der Schreiber mit seinem Computer redet und nicht mit dem Leser.
Der überwiegend regionale Charakter der Maiboxen (speziell in Berlin (West), der Region ohne Umland) erlaubte aber die beliebten Usertreffen und so einen direkten Kontakt Face-to-Face. Solche treffen haben den Stil innerhalb der Box in der Regel sehr geglättet.
Usenet flame wars
Kurz vor der Internetdämmerung wurden andere Methoden zum überregionalen oder gar globalen Datentransport entwickelt.
Aus dem Programm uucp entwickelte sich im Laufe einiger weniger und sehr schneller Evolutionsschritte ein komplettes, weltumspannendes Transportnetz für eMail. Die Eigenschaften dieses Netzes, insbesondere die typischen Transportzeiten und damals üblichen Transportkapazitäten im Kilobit-Bereich, verboten zunächst Anwendungen wie Dateitransfer (grosse Volumina) oder interaktive Anwendungen.
Dennoch erlaubte das System, neben der ursprünglich intendierten Individualkommunikations (eMail) auch eine Massenkommunikationsvariante. Eines der ersten dieser System hiess noch notes, wurde aber durch das System news verdrängt.
Im Prinzip funktioniert news so ähnlich wie eMail, nur dass die Zieladresse nicht das Postfach einer Person beschreibt sondern ein Fach, das jedermann lesen kann; diese werden in einer sehr zutreffenden Analogie als Pinbretter oder bulletin boards bezeichnet.
Ähnlich wie am Pinbrett in der Mensa (gibt es eine Uni-Mensa, die keins hat?) kann hier praktisch jeder einen Inhalt einstellen und jeder kann ihn lesen.
Das verteilungsverfahren für news ist schon zu Zeiten der Software B-news (zweite grössere Release) recht effizient gewesen, C-news und D-news machten die Übertragung nochmals effizienter, was in Zeiten knapper Bandbreite Voraussetzung für einen beliebten Dienst war.
Der Begriff Usenet wird heute synonym mit dem news-System verwendet, obwohl er eigentlich als Bezeichnung für das uucp-basierte Transportnetz erdacht wurde. Der Grund ist hier wohl, dass zum einen das Wort news allein misverständlich ist und zur Klärung schon länger die Kombination Usenet-News verwendet wurde. Ein anderer Grund ist, dass noch zu Zeiten, da ein uucp-Transportnetz noch existierte, der Transport von Usenet-News bereits auf das aufkommende Internet als Transport migrierte.
Ein Phänomen des Usenet ist neben seiner chaotischen Verwaltung (keine Zentrale, minimale Koordination zwischen den Netzknoten, tatsächlich weniger Koordination als bei praktisch allen anderen Netzen) seine periodisch auftretenden Flame-Wars.
Als Flame werden dabei Postings bezeichnet, die ehrverletzend oder beleidigend oder auch nur übermäßig emotional erscheinen.
Aus einem solchen Posting kann sich sehr schnell ein hin-und-her von esklierenden Flames entwickeln in dem dann (immer) das eigentliche Thema und (oft) der gesamte Nutzcontent der betroffenen Newsgroup untergeht.
Die Flame Wars sind mit Sicherheit ein Effekt der scheinbaren Anonymität der Nutzung und des "Reden mit dem Computer" Effektes, der die Person des Lesers vergessen läßt.
Andere Ursachen spielen mit hinein, wie vorschnelles Absenden eines Beitrages ohne nochmaliges Lesen.
Stil in eMail
Aber nicht nur in der Massenkommunikations, auch in der Individualkommunikation hat der "Reden mit dem Computer"-Effekt eine Wirkung.
Die eMail ist die wichtigste, wenn auch leider schon am stärksten erodierte, Anwendung des Internet. Dabei macht eMail (trotz allem Attachment-Wahnsinn und HTML-alles-doppelt Trödel) nur einen winzigen Bruchteil der gesamten Verkehrslast aus.
Die eMail ist eine so interessante Anwendung, weil sie so schwer einzuordnen ist.
Zunächst sind da alle Erscheinungsbilder der Schriftform, wie wir sie vom Brief her kennen, kombiniert mit der elektronischen Übermittlungsgeschwindigkeit des Telefons (wenn man nicht gerade das Usenet als Transpormedium zugrundelegt und irgendwo ein Link der Kategorie weekly auf dem Weg lag...).
Auch die Persistenz der eMails nähert sich stark der Schriftform, sie liegt teilweise deutlich über der von Fax auf Thermopapier. Mal abgesehen davon, dass man einen Text dank Computerhilfe auch wiederfindet, wenn man keine Ordnung hält.
Dennoch ist eMail der mündlichen Form viel näher als klassischer Schriftform.
dies ist zwar klar abhängig von der Medien- und eMail-Kompetenz des Benutzers und der Dauer und Art der Erfahrungen mit diesem Kommunikationsmittel. Es scheint aber eine universelle Regel zu sein, dass mit der Zeit sich der eMail-Stil dem Sprechstil am Telefon stärker annähert als dem Schreibstil.
Auch im Usenet war ein eher mündlicher Stil immer sehr üblich.
Bei manchen Menschen sollen diese Stile sogar auf ihren Schreibstil durchfärben - was auch Ihrem Autor nicht immer positiv angerechnet wird :-)
Dennoch bleibt von der Schriftform, dass immer nur einer der Kommunikationspartner zur gleichen Zeit senden kann - der Kanal erlaubt nur Halbduplex.
Wer schon einmal überlappende eMails erlebt hat und die Verwirrung, die so zustandekommt, der benutzt die Technik freiwillig nur noch im Halbduplex.
Internet Relay Chat IRC
Mit dem Übergang vom uucp-Transportnetz zum IP-Transportnetz als Grundlage für eMail (was in den USA zu einem teils erbittert ausgetragenen Kampf zwischen den komerziellen Anbietern UUNet und PSINet führte, die eine zeitlang aus dem jeweils genutzen Transporter geradezu eine Religion machten und auch Exklusivrechte auf eMail-Dienste herzuleiten suchten) wurde eMail sehr schnell.
Das führte zu der auch heute noch geltenden Annahme, dass eine eMail schnell zugestellt wird und daher auch schnell bearbeitet - eine Annahme die grad im komerziellen und Behärdenverkehr nicht immer zutrifft.
Dennoch wurde teilweise eMail als nicht ausreichend schnell oder nicht ausreichend direkt empfunden. Applikationen, die direkter sind und eventuell Vollduplex ermöglichen, waren gefragt.
Der Internet Relay Chat ist eine solche Applikation, die sich trotz Verwendung von Tastatur und Schrift der mündlichen Form noch viel weiter annähert als die eMail. Die Persistenz der Kommunikation tendiert in der Tat gegen Null, das Trigger-Response-Timing ist schon sehr nah am mündlichen Gespräch.
Der Schreibstil ist hier noch mündlicher als in der eMail, sehr viel persönlicher als im Usenet (da wohl der Gesprächspartner gewärtiger ist) und tendiert zu einer Code-Sprache.
Letzteres wird gern misverstanden. In vielen Fällen sind Code-Sprache ja Kennzeichen von Geheimbünden und werden mit Verschwörungen assoziiert.
Im Falle des Chat ist das aber nicht der Fall. Hier dient die Abkürzerei einfach dem Ausgleich des inhärenten Nachteils der Tastatur: selbst bei professionellen, hochtrainierten Menschen ist diese Form der Kommunikation langsamer als die gesprochene Sprache.
So werden dann eben sogar an sich schon kurze Formeln wie "ok" als "k" abgek.
Die Bildung von Codesprachen, die schon Geheimsprachenzüge annehmen, ist durchaus nicht auf Internet beschränkt. Wer schon einmal dienstliche Anweisungen aus dem Postminiterium aus den 80er Jahren gelesen hat, der weiss, dass die "Fachsprache" der Post wenige dem Zweck der Kommunikation dienste als der Ausgrenzung der nichtwissenden Zirkel aus dem Bund derer, die sich mit Telefon richtig auskennen (Fremdsprachenkenntnisse ins Postdeutsch wirkten daher auch wahre Wunder, wollte man siene Telefonstärung schnell beseitigt bekommen).
Die Codesprache des IRC oder der Chats in MMORPGs sieht Ihr Autor daher sehr gelassen und nciht anders, als den Bluespeak (die Geheimsprache der Großrechner-Branche, benannt nach Big Blue), den Code des Amateurfunk oder das teils gräßlich-gruselige Kauderwelsch auf allen CB-Funk-Frequenzen damals in den 80ern.
Respekt
Immer wieder taucht die Behauptung auf, die Benutzer des Internet hätte voreinander keinen Respekt.
Die Bildung von Codesprachen, die bei jenen, die sie nicht verstehen sofort auf Ablehnung stossen, der Schreibstil in eMail oder Usenet-News, das alles vermischt sich mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen zu Computern mit der Vermutung, dass ein "Computerfreak" eine Person von geringer sozialer Kompetenz ist und ausserdem immer keine Kinderstube hat.
Natürlich sind solche Personen, die den Computer "nur zum Arbeiten benutzen" gegen derlei schädliche Einflüsse völlig gefeit. Was vor allem daran liegt, dass solche Benutzer ja auch keine Computerspiele benutzen (oder nur die Patience- oder Flipperprogramme, die bei MS Windows zum Lieferumfang gehören).
Auch die Hobby-Anwendungen wie Nachbearbeiten und Schneiden der Urlaubsvideos am Computer oder nächtelange Retusche-Sitzungen über dem Stapel der mühsam eingescannten Dias von Tante Elses Silberhochzeit haben selbstverständlich keinen schädlichen Einfluß. Einen solchen haben nur Computerspiele (also alle auss Patience und Flipper) und das Internet.
Das Große Böse Internet (GBI).
Tatsächlich sind solche Beobachtungen absolut richtig - wenn man sie auf Heranwachsende bezieht.
der vermutete Grund ist allerdings falsch: pubertierende Jugendliche haben grundsätzlich ein Problem mit Autorität und der seit frühen Kindertagen permanent erlebten Überlegenheit der Erwachsenen.
Die immer noch bei der Computernutzung vorhandene, wenn auch mit dem Altern der PC-Generation zunehmend verwischende, Altersgrenze der PC-Nutzung und die Tatsache, dass gerade die "Überlegenheit" im Umgang mit dieser junden Maschinenklasse dem Jüngling ein perfektes Werkzeug in die Hand gibt, es den "Alten" so richtig zu zeigen, hat in dne jungen Tagen des PC und in den jungen Tagen des Internet zu derartigen Miskonzeptionen stark beigetragen.
Tatsächlich zeigt eine nüchterne Analyse, dass die Maschine PC auf das Verhalten der sie benutzenden Menschen kaum einen stärkeren oder schlechteren Einfluss hat, als die Maschinen "Dampflok" (schon mal einen Eisenbahnfreund vor einer Baureihe 02 gesehen? Ein Romeo-Darsteller, der diesen Blick hinbekommt, bekommt Bravos am Ende der Aufführung) oder "Auto" haben.

