Mit um die 40 ist die Midlife-Crisis ja irgendwie völlig normal. Sehr hip ist auch das Burnout-Syndrom.
Beide sind sind ja ähnliche Zustände.

So ein Burnout ist schon ok, es ist halt einer der Preise für den Erfolg, wer sich sehr anstrengt, der darf auch mal richtig erschöpft sein, nicht wahr?
Die Variante, dass der Betroffene sich durch den empfundenen burnout noch mehr in Arbeit stürzt und dabei totalen Blödsinn anstellt, habe ich in meiner Karriere übrigens öfter beobachtet als das klassische Aussteigen mit um die 40. Nach meiner Definition ist das auch eine Form von burnout.
Und auch die Midlife-Crisis ist ja irgendwie normal.
Also, kurz vor dem 40sten ist es Zeit, mal im Gedächtnis zu kramen und zu Bilanzieren. Soweit alles ganz normal.

Das Gedächtnis ist eine faszinierende Angelegenheit, zum einen weil es so schön selektiv ist, zum anderen, weil es so kreativ ist.
Nichts merken wir uns so, wie wir es wahrgenommen haben, es wird immer irgendwie verändert. Und bei der Reproduktion von Gedächtnisinhalten werden diese nochmal verändert.
Kontexte spielen dabei eine große Rolle. Je nach Kontext wirkt dieselbe Erinnerung verschieden; ich verfüge z.B. über Erinnerungen, die je nach Kontext aufwühlend oder beruhigend sein können.

Und da kramen wir dann alle mal drin rum, lassen die letzen paar Jahrzehnte Revue passieren.
Jeder halbwegs normale Mann wird dabei feststellen, dass er hier oder da Chancen verpasst hat.
War das früher mal anders?

Naja, es gab sicher Zeiten, wo kaum jemand das hohe Alter von 40 überhaupt erreicht hat. Und mit 20 hatte auch damals sicher keiner eine Midlife-Crisis, oder?
JEdenfalls sehe ich die Midlife-Crisis als eine Nebenwirkung der Art, wie unsere Gesellschaft organisiert ist.

Ehrgeiz wird gefordert und gefördert. Zumindest die eine oder andere Art.
Das war schon im Kaiserreich so und auch in der Demokratie ist das nicht anders.
Man kann das Leistungsprinzip nennen oder Chancengleichheit, man kann es mit "jeder ist seines Glückes Schmied" oder anderen Sinnsprüchen umschreiben.
Am Ende kommt jedenfalls immer heraus, dass wir unseren aktuellen Zustand als Produkt unseres eigenen Tuns und unserer Entscheidungen zu sehen haben.

Das war definitiv nicht immer so.
Es gab Zeiten, da haben die Menschen im Wesentlichen geglaubt, dass ihr Leben vorherbestimmt ist.
Fremdbestimmt war es ohnehin: Leibeigenschaft, Feudalherrschaft, Erbmonarchie - viel Spielraum für die eigene Lebensgestaltung gab es früher, als ja bekanntlich alles besser war, genau genommen nicht.
Oder zählen nur diejenigen, die die MAcht und damit die Gestaltungsspielräume hatten?

Auch die Mächtigen haben ihr Leben noch vor wenigen Jahrhunderten vielfach als fremdbestimmt empfunden.
Ansichten wie "der Staat bin ich!" waren eher selten; allein die üblichen höfischen Machtspielchen konnten Gefühle wie Ausgeliefertsein erzeugen.
Viel zu selten waren die Empfindungen von der Fremdbestimmtheit des eigenen Daseins dagegen Nebenwirkungen eines ausgesprochen guten Charakters; "ich bin der erste Diener meines Volkes" ist doch irgendwie eine lobenswerte Grundhaltung, nicht wahr?
Noblesse oblige, Adel verpflichtet, naja, ob das wirklich eine verbreitete Grundhaltung war?

Auch heute beobachten wir, dass Menschen die Verantwortung für das eigene Tun ablehnen. Schuld sind die anderen, der Staat, die Politik oder Politiker, beliebt auch "das System".
Und in der Tat ist ja auch häufig eine Menge daran: wer keine Chancen erhält, der verpasst auch nie, sie zu ergreifen.
Grad in der jüngeren Zeit gehen die Arbeitslosenzahlen herunter. Die Regierung Merken freuts und so feiert sie sich als erfolgreich. Ob allerdings tatsächlich die letzten 2 Jahre Regierungsarbeit oder nicht vielleicht eher die Zeit davor die Gründe für diese recht erfreuliche Entwicklung enthalten, darf bezweifelt werden.

Wie dem auch sei, jeder trägt für sich selbst die Verantwortung, so hat man uns das beigebracht.
Und das, obwohl seit Siegmund Freuds einflussreichem Wirken - ist das tatsächlich schon wieder über 100 Jahre her? - doch auch ein Teil der Verantwortung für die Entwicklung jedes Menschen in seiner Umwelt zu suchen ist.

Und aus diesem Gedanken heraus ist es dann schon mal an der Zeit, zu bilanzieren, durchzuschnaufen und den weiteren Weg abzustecken.

Ich sah mich also in einer Midlife-Crisis. Der 40ste stand kurz bevor, alles passte also wunderbar ins Klischee.
Die als "Bilanz ziehen" apostrophierten Aktionen sind ja keine bewussten.
Kaum jemand setzt sich an seinen Computer, wirft OpenOffice Calc an und erstellt eine Bilanz seines Lebens, nicht wahr?

Das geschieht mehr unbewusst, mehr auf der Gefühlsebene.
Immer öfter lösen selbst vertraute Situationen, Personen, Orte oder Gegenstände jetzt Erinnerungen an alte Zeiten aus.
Sowohl an die vom Boss so schön dargestellten Glory Days aber auch verpasster Gelegenheiten, nicht wahrgenommener Chancen, Misgeschicke und satter Fehler erinnerte ich mich wieder öfter.


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