Mit um die 40 ist die Midlife-Crisis ja irgendwie völlig normal.
Sehr hip ist auch das Burnout-Syndrom.
Beide sind sind ja ähnliche Zustände.
So ein Burnout ist einer der Preise für den Erfolg. Wer sich sehr anstrengt, der darf auch mal richtig erschöpft sein, nicht wahr?
Die Variante, dass der Betroffene sich dann noch mehr in Arbeit stürzt und dabei totalen Blödsinn anstellt, habe ich in meiner Karriere übrigens öfter beobachtet als das klassische Aussteigen mit um die 40. Nach meiner Definition ist das auch eine Form von burnout.
Und auch die Midlife-Crisis ist ja irgendwie normal.
Also, kurz vor dem 40sten ist es Zeit, mal im Gedächtnis zu kramen und zu Bilanzieren. Soweit alles ganz normal.
So ein Gedächtnis ist eine faszinierende Angelegenheit, zum einen weil es so schön selektiv ist, zum anderen, weil es auch kreativ ist. Das Wahrgenommene wird eim merken verändert, nichts merken wir uns so, wie wir es erleben.
Und bei der Reproduktion, dem Erinnern, wird das gemerkte nochmals verändert.
Kontexte spielen dabei eine große Rolle.
Wir merken uns nicht die Wahrnehmung, sondern mehr die Gefähle, die diese ausgelöst hat, bzw. ein Gemisch der beiden. Die Wahrnehmung wird in den aktuellen Kontext eingeordnet und diese Position im Kontext gemerkt.
Für einen Informatik-Ingenieur wie mich ist das eine geniale Methode der "Datenkompression": statt eine komplette Wahrnehmung, z.B. ein Bild oder ein Geräusch, zu merken, muss ich nur ein Datum merken, nämlich wie diese Wahrnehmung im Kontext erschien.
Das besonders raffinierte dabei ist, dass zu diesem Kontext eben auch die gemerkten früheren Wahrnehmungen gehören - eben die Inhalte des Gedächtnis.
Als Ingenieur würde ich diese Methode dennoch nicht in einer Technik nutzen.
Der Grund ist, dass sich durch diese raffinierte Speichermethode die Inhalte des Gedächtnis nachträglich verändern: Die Position im Kontext ist noch dieselbe, aber der Kontext hat sich verschoben - und damit die mit ihm assoziierten Gedächtnisinhalte.
Insofern kann ich nur fassunglos vor Staunen feststellen, dass ich mir nicht vorstellen kann, ein so wachsweich operierendes Verfahren selbst umzusetzen: das kann doch gar nicht funktionieren.
Auch bei der Reproduktion der Inhalte des Gedächtnis spielen Kontexte eine Rolle.
Der Forscher und Nobelopreisträger Eric Richard Kandel beschreibt das Gedächtnis u.a. als einen Mechanismus, der uns "Zeitreisen" erlaubt.
Nun, da ist wirklich etwas dran. Man kann sich zurückerinnern und so quasi in der Zeit reisen.
Aber im gegensatz zur Zeitreise in der Science Fiction reist man damit nicht in eine absolute Vergangenheit, denn bei der Reproduktion von gemerktem spielt es eine grosse Rolle, in welchem aktuellem Kontext aus Wahrnehmungen und Gefühlen wir uns befinden. Mir wurde das klar, als ich bemerken musste, dass ich z.B. über Erinnerungen verfüge, die je nach Kontext aufwühlend oder beruhigend sein können. Wohlgemerkt: dieselbe Erinnerung kann verschiedene Wirkung haben - je nach dem, "wie ich grad drauf bin".
In seinen Erinnerungen kramt wohl jeder gelegentlich herum, wir lassen die letzen paar Jahrzehnte Revue passieren.
Jeder halbwegs normale Mann wird dabei feststellen, dass er hier oder da Chancen verpasst hat.
War das früher mal anders?
Naja, es gab sicher Zeiten, wo kaum jemand das hohe Alter von 40 überhaupt erreicht hat.
Wie alt war Odysseus wohl bei Beginn des Trojanischen Krieges? Er war immerhin Anführer eines Truppenkontingentes und Teil des Führungstaabes. Und danach soll er dann 10 Jahre bis nach hause gebraucht haben - das platziert ihn bei der Rückkehr definitiv in die Kategorie "alter Mann".
Hate man damals also mit 20 seine Midlife-Crisis?
Jedenfalls sehe ich die Midlife-Crisis als eine Nebenwirkung der Art, wie unsere Gesellschaft organisiert ist.
Ehrgeiz wird gefordert und gefördert. Zumindest die eine oder andere Art. Das war hierzulande schon im Kaiserreich so und auch in der Demokratie ist das nicht anders.
Man kann das Leistungsprinzip nennen oder Chancengleichheit, man kann es mit "jeder ist seines Glückes Schmied" oder anderen Sinnsprüchen umschreiben.
Am Ende kommt jedenfalls immer heraus, dass wir unseren aktuellen Zustand als Produkt unseres eigenen Tuns und unserer Entscheidungen zu sehen haben.
Und diese Ansicht ist definitiv relativ jung.
Es gab Zeiten, da haben die Menschen im Wesentlichen geglaubt, dass ihr Leben vorherbestimmt ist.
Fremdbestimmt war es ohnehin: Leibeigenschaft, Feudalherrschaft, Erbmonarchie - viel Spielraum für die eigene Lebensgestaltung gab es in solchen Zeiten genau genommen nicht.
es sei denn, man betrachtet als Menschen nur die Mächtigen, die noch über Gestaltungsspielräume verfügten und ignoriert das Schicksal aller anderen homo sapiens sapiens drum herum.
Doch auch die Mächtigen haben ihr Leben noch vor wenigen Jahrhunderten vielfach als fremdbestimmt empfunden.
Ansichten wie "der Staat bin ich!" waren doch eher selten, selbst mächtige Könige fühlten sich gelegentlich/öfter/permanent den Intrigen am Hofe und ihrem Stab von Beratern und Dienern (lateinisch: minister) ausgeliefert.
Leider viel zu selten resultierten solche Empfindungen von der Fremdbestimmtheit des eigenen Daseins aus einem guten Charakter; ich bin der erste Diener meines Volkes halte ich für eine durchaus lobenswerte Grundhaltung.
Noblesse oblige oder Adel verpflichtet. Wie verbreitet mag diese Grundhaltung aber gewesen sein?
Heute beobachten wir m.E. zunehmend, dass Menschen die Verantwortung für das eigene Tun ablehnen. Schuld sind die anderen, der Staat, die Politik oder Politiker. Sehr beliebt ist auch die Schuld des Systems.
Und in der Tat ist ja auch häufig eine Menge daran: wer keine Chancen erhält, der verpasst auch nie, sie zu ergreifen.
Grad in der jüngeren Zeit gehen die Arbeitslosenzahlen herunter. Die Regierung Merkel freuts und so feiert sie sich als erfolgreich. Ob allerdings tatsächlich die ersten beiden Jahre Regierungsarbeit der Bundeskanzlerin oder nicht vielleicht eher die Zeit davor die Gründe für diese recht erfreuliche Entwicklung enthalten, darf bezweifelt werden.
"Jeder trägt für sich selbst die Verantwortung" auch in Form von "jeder ist seines Glückes Schmied" sind dagegen Lehrsätze, die dem entgegenstehen.
Und das, obwohl seit Siegmund Freuds einflussreichem Wirken - ist das tatsächlich schon wieder über 100 Jahre her? - doch auch ein Teil der Verantwortung für die Entwicklung jedes Menschen in seiner Umwelt zu suchen ist.
Also was nun? Bin ich selber schuld, sind die anderen Schuld, ist das System schuld, dass es mir so mies geht?
Und aus diesem Gedanken heraus ist es dann schon mal an der Zeit, zu bilanzieren, durchzuschnaufen und den weiteren Weg abzustecken.
Ich sah mich also in einer Midlife-Crisis. Der 40ste stand kurz bevor, ich fühlte mich ausgebrannt, leer, plan- und sinnlos. Alles passte wunderbar ins Klischee. Und zauberte aus meinem Gedächtnis lange vergessen geglaubte Dinge, Wahrnehmungen, Gefühle zutage: ich zog Bilanz.
Immer öfter lösen selbst vertraute Situationen, Personen, Orte oder Gegenstände jetzt Erinnerungen an alte Zeiten aus.
Sowohl an die vom Boss so schön dargestellten Glory Days aber auch Erinnerungen an verpasste Gelegenheiten, nicht wahrgenommene Chancen, Misgeschicke und Fehler fallen mir - gefühlt 10 Mal öfter als von 10 Jahren - wieder ein.
