Selbst Cicero hat auf seine Alten Tage (TM) das Jammern angefangen und in seinem Spätwerk sind immer wieder Hinweise zu finden, die jetztlich mit früher war alles besser zusammenzufassen sind.

Da war aus seiner Sicht sicher viel dran.
Immerhin hat dieser Mensch mit de re publica ein Buch geschrieben, das in einer bis dahin kaum zu findenden Klarheit die Grundmuster der staatlichen Organisation darstellt.
Daneben enthält es aber auch eine sehr jugentliche, sehr optimistische, sehr hoffnungsfrohe Vision.
Persönlich rechne ich es daher inhaltlich zu Ciceros Frühwerk, auch weenn das nicht korrekt ist (siehe unten).
Mit der Verfassungs-Mischform, die Rom damals (nach Cicero) besaß, war das Ende der Wirren, war Perfektion erreicht - so stellt sich mir die Hoffnung des Autors jedenfalls dar.
Eine für immer stabile Staatsform und Verfassung. Ein Form, die nicht dem schon von griechischen Denkern beobachteten ständigen Wandel unterworfen sein sollte.
Wahrlich eine schöne Vorstellung und Ausdruck von Hoffnung und Optimismus.

Der Alte Knabe musste dann später erkennen, dass er sich geirrt hatte.
Auch Roms Verfassung war nicht unkaputtbar, auch das römische Staatswesen konnte unter dem üblichen Ätzmedium korrodieren.
Und der armen Sau Cicero blieb es nicht mal erspart, das nach einer so hoffnungsfrohen Jugend selbst mitzuerleben.

Ja, es stimmt, nach der amtlichen Datierung ist de re publica in der Zeit entstanden, in der Cicero den Untergang schon heraufziehen sehen musste, hatt er er doch selbst die Verschwörung der Catilinarier mit aufgedeckt und erstickt.
Für mich kommt in dem Werk aber immer der optimistische Cicero zum Ausdruck, der er in jüngeren Jahren gewesen sein muss, ich denke, dass sein Buch schon vor der Niederschrift in seinem Kopf war aber erst unter dem Eindruck des nahenden Endes der römischen Republik wirklich dort heraus und niedergeschrieben werden wollte.
Ich denke, auch deshalb legt Cicero die Handlung in eine Zeit, die mehr als 2 Jahrzehnte vor seiner eigenen Geburt lag.

Früher war eben alles besser.
Immer schon.

Und heute ist das nicht anders, nicht wahr?

Stimmt nicht werden Sie jetzt denken.
Oder etwas in der Art "mag sein, dass es früher anders war, aber besser oder schlechter war das nicht."
Ich habe auch mal so gedacht, genau genommen immer dann, wenn irgend ein "alter Sack" von den besseren Zeiten "damals" redete (oder schrieb).

Und nun bin ich der alte Sack.
Und nun kommt mir die Vergangenheit grundlegend besser vor.

Zum einen, weil ich da wohl doch fitter war. Körperlich auch - ich tu' viel zu wenig für meinen Körper und das rächt sich wie bei so vielen anderen Mit-Deutschen - aber vor allem im Kopf.
Vor 20 Jahren viel es mir leicht, während des Fernsehens zu schreiben oder zu lesen. Ich bekam - wenn mein Gedächtnis mich hier nicht narrt - damals sowohl den Tatort als auch den Inhalt meines Buches ganz gut mit bzw. habe sinnvolle Texte verfassen können.
Heute dagegen stelle ich manchmal während der Fahrt das Autoradio ab, weil es meine Konzentration hindert.
Lesen während des Tatorts ist nicht mehr vorstellbar.

Es fühlt sich schon noch ganz ok an, ich komme mir (noch?) nicht verblödet vor.
Ich bin noch immer zu intelligenten Gesprächen mit meiner Umwelt in der Lage, sowohl mit langjährigen Freunden als auch mit neuen Bekanntschaften. Auch 20 Jahre jüngeren Zeitgenossen gegenüber komme ich nicht total verblödet rüber - oder ich werde aus Höflichkeit sehr viel belogen :-)

Aber mir fällt es auf. Irgendwas ist da anders.
Werde ich einfach nur älter?
Geht das vielleicht allen so oder so ähnlich?

Ich trau' mich nicht, zu fragen. Käme mir blöd vor.

Eine andere Möglichkeit wäre aber, dass das mit meinem aktuellen, meinem akuten Zustand zu tun hat.
Und das wäre ja nicht so schlecht, denn dieser Zustand soll angeblich vorübergehend sein.

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